2001 · Moments Of Intensity

192 Seiten
121 Abbildungen
Großformat  24×30,5cm,
schweres Bilderdruckpapier,
durchgehend Duplex gedruckt,
gebunden mit Schutzumschlag,
mit einem Vorwort von Jennifer Baumgardner
und Texten von Sigrun Casper 
Preis:  50 Euro, da beim Verlag vergriffen (alter Preis 39,90 Euro)
ISBN: 3-88769-176-8
Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 2001

direkt hier bestellen: info@thomaskarsten.com


Die Presse:
 
„Moments of Intensity. Akt vom Besten, niemals langweilig ‚Schön‘ – und in der für diesen Verlag üblichen exzeptionellen Buchgestaltung“
(Die Presse, Wien)
 
„Für Freunde erotischer Unbekümmertheit“
(Die Zeit)
 
„Subtile Spannung zwischen Modell und Fotograf“
(Die Rheinpfalz)

Shootingszenen und ein Interview mit Viola Blau, aufgenommen 1999 im Maggiatal bei Ascona. Einige der Bilder finden sich dann in diesem Buch wieder.


Vorwort von Jennifer Baumgardner

«Meinen ersten Schnappschuss machte ich, nachdem ich meinen ersten Fotoapparat bekam. Es war das Portrait eines Freundes. Ich muss ungefähr 12 Jahre alt gewesen sein. Aber mein erstes Aktbild wurde von einem Motiv inspiriert, das ich mit 6 Jahren im Kopf hatte. Es war das Bild einer nackten Frau aus einem Märchenbuch, das wir im Kindergarten hatten. Ich nahm das Buch mit nach Hause und versuchte, das Bild abzumalen. Ich glaube, das war der Beginn meiner Leidenschaft für Aktfotografie.»
(Thomas Karsten, Juli 2001)
 
Die meisten Fotos von nackten Frauen sind mir, einem amerikanischen Mädchen, das in den glühend-feministischen 70ern geboren wurde, ein bisschen suspekt. Und ein bisschen langweilig – so wie ja-ja, schon mal gesehen, von letztem Jahr. Weibliche Akte sind doch der Drei-Akkord-Rocksong der Kunstwelt. Ein Kunststück, wofür man nicht viel Technik oder Fantasie braucht, das seinen Reiz aus etwas in unserem tiefsten Innern (unserer Prüderie und Lüsternheit) zieht. Ein solches Bild könnte im Museum für Moderne Kunst hängen oder sich in Larry Flints amerikanischem Muschi-Blatt Hustler rekeln –jedes Foto würde funktionieren. Obwohl ich das sage, muss ich hinzufügen: Ebenso wie Drei-Akkord-Rock’n’Roll trotzdem gut ist, so sind Fotos von nackten Frauen meist schön (also inhärent «Kunst»?), wie auch sexy.
Was Künstler des Genres Frauen-Aktfotos voneinander unterscheidet, ist daher nicht die Technik oder der Inhalt, sondern die Ästhetik – der Stil. Die klaren, messerscharfen Linien von Man Rays Vorkriegsfrauen; das weichbusige, rundhüftige Playboy-Mädchen von nebenan im Slip, das Hugh Hefner dem Mann in den 50ern brachte; die verführerische, rasierte Lady mit geöffnetem Mund, mit der Larry Flint Hugh Hefner in den 70ern ins Land sexueller Belanglosigkeit beförderte.

Thomas Karsten, am 6. März 1958 im Sternzeichen Fische geboren, hat seit 1988 vier Bücher veröffentlicht – alle drücken seine Leidenschaft für Akte aus. In seinem ersten Buch, Thomas, Mach’ ein Bild von uns, fotografierte er Paare – im heterosexuellen Sinn. Seitdem hat er sich auf Frauen und Paare im sapphischen Sinn konzentriert. «Ich bin nicht unbedingt an lesbischen Bildern interessiert,» schrieb er mir in einer E-Mail, die seine Assistentin aus dem Deutschen übersetzte. «Ich bin generell an Frauen interessiert, und ich arbeite gern mit mehr als einem Modell, weil das eine ganz andere Atmosphäre schafft. Mir ist es wichtig, während des Shootings eine Stimmung zu erzeugen, in der sich die Frauen wohl genug fühlen, sie selbst zu sein. Meistens fühle ich mich selbst wie ein Beobachter der Szenen, die die Frauen kreiert haben.»

Als Karsten etwa 19 Jahre alt war, lebte er in Ostdeutschland. In Ostdeutschland war es in den 70ern nicht wie in den USA. Es gab nur ein Magazin mit nackten Mädchen, und in seiner Zeit dort sah er nur eine einzige Ausstellung von Akten, die ein Fotograf aus Leipzig gemacht hatte. Die Fotos waren Bilder von sehr jungen und schönen, model-ähnlichen Mädchen. Betrüblicher noch als der Mangel an Fotos war ihre Qualität: Wenn der Leipziger Fotograf über seine Arbeiten sprach, behauptete er, er versuche, die Persönlichkeit der Mädchen rauszubringen – aber das sah Karsten in dessen Arbeiten nicht. «Und das war meine Inspiration, Fotos von Frauen zu machen»,  sagt Karsten. «Zu versuchen, mehr als nur einen schönen, jungen Körper zu zeigen.»


Thomas Karstens Akte sind zu einem großen Teil klare kurze Blicke auf das innere Heiligtum von Frauen, wie auch auf Frauen, die Sex mit sich selbst oder einer anderen Frau haben. Die Modelle sind keine Profis, und sie fühlen sich deutlich wohl dabei, sich von Karsten fotografieren zu lassen. Mit manchen arbeitet er schon so lange zusammen, dass er inzwischen Fotos von ihren erwachsenen Töchtern macht. Sein Stil wirkt wie matt schimmerndes Porzellan, die Modelle vergnügt, in einem kühlen  Raum, der zur Aufbewahrung von Filmen oder Batterien geeignet wäre. Es ist nicht der glatte nahezu feucht wirkende Hochglanzeros des amerikanischen Hustlers. Noch ist es das schmutzige, cool-für-dich, tätowiert-und-auf-der-Toilette Mieze-Image, was durch den amerikanischen Fotografen Richard Kern berühmt wurde (dessen Buch, New York Girls, als eine neue Herangehensweise an den Drei-Akkord-Akt bezeichnet wurde). Oft schauen die Modelle in die Kamera. Es gibt auch eine Menge nach außen gerichteter Offenheit, Masturbation mit Fingern auf Art und Weisen, die ich nicht wiedererkenne, rasierte Mösen, viele Busenberührungen wie bei verhinderten Xenas, Körpermalfarbe, etwas echten Oralsex. Leidenschaftlich, mit Sicherheit; aber hat Karsten den Charakter oder die Persönlichkeit der Frauen in all diesen Moments of Intensity festgehalten? Wie hält man die Persönlichkeit einer Frau fest, die nackt für ein Buch Modell stehen will? Diese Frauen sind, per definitionem, Exhibitionistinnen – und was ist verhüllter als eine nackte Exhibitionistin, die für die Kamera posiert?
Aus meiner Sicht (amerikanisch, feministisch, zynisch, die Sorte von Mädchen, das nackt posieren will) hat Karsten sein Ziel, den Charakter der Frau festzuhalten, in den Bildern erreicht, die am wenigsten «intense» sind. Das süße Mädchen, das rauchend auf der Tischplatte sitzt, mit der Orchideen-Tapete im Hintergrund. Das Mädchen im Pullover auf dem Dach mit relativ intaktem Schamhaar. Die sexy Brünette mit verworrenem Haar, die auf der Seite liegt und zu einem merkwürdig bequem aussehenden Knoten verdreht ist. Die traurige Blonde mit den kurzen Haaren, die in sich zusammengesunken wie eine Inderin dasitzt, und deren spitze Brüste wie kleine umgekehrte Matterhörner aussehen. Die zwei gepiercten Joan Jett-Style Lesben, die nicht außergewöhnlich oder ekstatisch oder auch nur erregt aussehen, sondern einfach zufrieden in ihrer Kuschelstellung. Vielleicht sind das die Bilder, die nicht nur von Frauen sind, sondern auch für Frauen.
Schließlich ist für ein Mädchen – oder ein paar Mädchen – die nackt dem vertrauten, forschenden Blick eines Mannes mit einer Kamera gegenüberstehen, Entspannung der intensivste (und seltenste und zarteste) Moment von allen.
(Jennifer Baumgardner, New York City, August 2001, Übersetzung: Kerstin Mächler)


Foreword by Jennifer Baumgardner

«The first snapshot I ever took after receiving my first camera  was a portrait of a friend. I must have been 12. But my first nude picture was inspired by an image I had in my mind at the age of 6, which came from a fairytale book we had at kindergarten with a drawing of a naked woman in it. I took the book home and tried to copy it onto paper. I think that was the beginning of my passion for nude photography.»                                                                        Thomas Karsten, July 2001
 
Most photos of nude women are to me, an American girl born in the fiery feminist seventies, a little suspect. And a little dull—as in ho-hum, seen that, and last year. Female nudes are, after all, the three chord rock song of the art world. A feat that doesn’t take a lot of technique or imagination, which derives its thrill from something based inside of us all (our prudery and our prurience). The shot in question could be in the Museum of Modern Art or a spread in Larry Flint’s American beaver rag Hustler—any photo will do. Having said that, though, I must add: just as three-chord rock and roll is delicious and fun in spite of itself, photographs of nude women tend to be beautiful (thus, inherently «art»?), as well as sexy.
Much of what has come to differentiate artists within the genre of Nude Photos of Women, therefore, is not technique or subject matter, but aesthetic—style. The clean, rapier line of Man Ray’s pre-war women; the soft-nippled, round-hipped, underpants-clad Playboy girl next door that Hugh Hefner handed to the fifties man; the lurid, open-mouthed, Showing-Pink Lady of the seventies that Larry Flynt used to boot Hef into the land of sexual irrelevance.

Thomas Karsten, a Pisces born on the 6th of March, 1958, has published four books since 1988—all expressing his passion for nudes. In his first book, entitled Thomas, Take a Picture of Us, he photographed couples—in the heterosexual sense. Since then he has focused on women and couples in the Sapphic sense. «I am not particularly interested in lesbian images,» he told me in an e-mail, translated from German by his assistant. «I am generally interested in women, and I enjoy working with more than one model because it creates a completely different ambience. The important aspect for me is to create an atmosphere during a shooting session which allows the models to be themselves. I consider myself an observer of the scenes created by those models.» 

At the age of 19, Karsten was living in East Germany. East Germany in the early seventies was no U.S. of A. There was only one magazine with naked girls and, during his time there, he saw a single exhibition of nudes taken by a photographer from Leipzig. The photos he saw were all of very young and pretty, model-like girls. More distressing than the dearth of photos was the quality of them: when the Leipzig photographer talked about his work, he claimed that he sought to bring out the girls’ personality—but that was not what Karsten saw in the man’s work. «And that was my inspiration to start taking pictures of women,» says Karsten. «To try to show more than just a nice young body.» 

Thomas Karsten’s nudes are largely bare glimpses of women’s inner sanctum along with women having sex with themselves or another woman. The models are not professionals and, clearly, they feel at ease being photographed by Karsten. Some he has been working with for so long that he is now taking pictures of their grown-up daughters. His style looks as if it was dusted with talc and the models cavorted in a cool, dark room suitable for storing film or batteries. This is not the slick, high-gloss eros of American Hustler. Nor is it the dirty, cool-for-you, tattooed-and-on-the-toilet chick-shot made famous by the American shooter Richard Kern (whose book, New York Girls, was reported to be a fresh take on the three-chord nude). The models frequently direct their gaze at the camera. There’s also lots of splayed openness, digital masturbation in ways I don’t recognize, shaved pussies, lots of grabbing of breasts like frustrated Xenas, body paint, some actual oral sex. Impassioned, to be sure; but did Karsten capture these women’s characters or personalities in all of these moments of intensity? How does one capture the personality of a woman who wants to pose nude for a book? Those women are, by definition, exhibitionists—and what is more masked than a naked exhibitionistperforming for the camera? 
By my standards (American, feminist, cynical, the type of girl who wants to pose in the nude), Karsten met his own goal of capturing the character of the woman in the shots that are the least «intense.» The moppet-ty girl sitting on the table top, smoking, with orchid wallpaper behind her. The sweater-clad girl on the roof with relatively intact pubic hair. The sexy brunette with tangled hair, lying on her side, contorted into a weirdly comfy-looking knot. The sad-sack blond with the short hair who sits in slumpy Indian style and whose pointy breasts look like wee inverted Matterhorns. The two pierced Joan Jett-style lesbians who look not transcendent or ecstatic or even titillated, but contented in their nestling pose. Maybe these are the shots not just of women, but for women. 
After all, for a girl—or a couple of girls—to stand naked in front of the familiar probe of a man with a camera taking a peek, relaxation is the most intense (and rare and delicious) moment of all.
(Jennifer Baumgardner, New York City, August 2001) 

Jennifer Baumgardner ist eine feministische Schriftstellerin und Herausgeberin, sie lebt in New York City. Sie schreibt regelmäßig für Bust, The Nation, Jane, Glamour, Marie  Claire, Z, Harper’s, Nerve, Ms. u. a. Außerdem ist sie Co-Autorin – mit Amy Richards – des Manifests: Junge Frauen, Feminismus und die Zukunft. Für den Verlag Farrar, Straus & Giroux gestaltet sie zur Zeit die Neuausgabe einer Reihe feministischer Klassiker und schreibt die Einführungen (der erste Klassiker dieser Reihe ist Germaine Greer’s «Der Weibliche Eunuch»). Und sie schreibt gerade ein neues Buch: Schau in beide Richtungen: Mädchen und Sex (voraussichtliches Erscheinen: 2003)


Texte von Sigrun Casper

Auf einem Fest treffe ich einen Mann. 
Letztens, sagt der Mann, sei ihm etwas Seltsames passiert. 
Auf einer Wiese, wo die Leute nackt rumlaufen, habe er Frauen und Männer beobachtet, und beide seien ihm gleichermaßen wie Tiere vorgekommen.
 
Sonst sähe er immer nur die Körper der Frauen und könne gar nicht anders, als sie mit einem bestimmten Interesse zu betrachten. Warum sagt er das zu mir, was ist die Botschaft? Ich wünsche mir schon so lange seinen Blick auf mich als Frau, den elektrifizierenden Blick, der von den Augen in die Lippen, in die Hände springt.
 
Auch ich, entgegne ich, eine Frau mit meinen Blicken verfolgend, die ihren Körper lasziv und selbstvergessen vor den Händen ihres Partners windet, auch ich finde nackte Frauen schöner anzuschauen. Der Mann lächelt mich an.
 
Ich widerstehe dem Impuls loszuspringen und für ihn zu tanzen und sage: Manchmal, wenn ich Frauen ansehe, vergleiche ich sie mit mir und werde böse. Who compares will never be happy, entgegnet er und ich verstehe, warum er die andere Sprache benutzt, er will nicht dass ich verlegen werde.
 
Ein Mann, den ich will, dem ich mich, meinen Körper, zeigen und schenken will, und ich, stehen zwischen lauter schwatzenden Leuten, jeder mit einem Glas Wein in der Hand, mitten im Soul, nahe bei den Tanzenden.
 
Ich bewege meine nackten Schultern vom Rhythmus gestreichelt, er schaukelt mit dem Oberkörper zu mir hin und von mir weg, als wolle er meine Brust mit seinem Mund berühren und ich scheue davor zurück. Ich brauche ihm nur das Glas aus der Hand zu nehmen und beide Gläser irgendwo abzustellen und so zu tanzen, dass er sich vorstellen kann, wie ich nackt aussehe. 
Statt dessen halte ich die Schultern still und verteidige mich. Es kommt aber auch vor, dass ich bei einer Frau, die ich schön finde, sehe, was ich nicht habe, und trotzdem keinen Neid empfinde. Vielleicht sehe ich sie dann auch mit einem Blick wie auf ein Tier, ohne abzuschätzen, ohne Begehren.
 
Als wäre ich selbst ein Tier, kein Kulturwesen mit eingebautem und festgestelltem Blickwinkel, schwatze ich. Er runzelt die Stirn. Um mich herum sehe ich Frauen, nur noch Frauen mit griffigen Brüsten unter ihren Kleidern, federnden Hüften und ranken Schenkeln. Ich fange an zu lachen.
 
Ich will von dem Mann nicht angesehen werden wie ein Tier. Er trinkt sein Glas leer und schaut suchend um sich. Sehen, was du nicht hast ist etwas anderes als sehen, was dir fehlt, bringe ich noch schnell heraus, damit er bei mir bleibt.
 
Er schüttelt den Kopf und grinst. Was redest du da, Katze. Ich sehe, was mir fehlt, sagt er, Haut, Haut, deine Haut. Er nimmt mir das Glas aus der Hand und trinkt es leer.               

(Sigrun Casper, 2001)

Sigrun Casper, Schriftstellerin in Berlin, sie publizierte Romane, Erzählungen und Lyrik, zuletzt: «Bleib’ Vogel». Liebesgeschichten.

1998 · Love Me

192 Seiten
176 Abbildungen
Großformat  24×31,5 cm,
schweres Bilderdruckpapier,
durchgehend Duplex gedruckt,
gebunden mit Schutzumschlag,
mit einem Vorwort von William E. Ewing
und einem Text von Recha Jungmann
Preis: 50 Euro, da beim Verlag vergriffen (alter Preis 39,90 Euro)
ISBN: 3-88769-124-5
Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 1998


Die Presse:
 
“Für Thomas Karsten hat Erotik nichts Dramatisches, eher etwas Leichtes und Heiteres, und den Frauen, die sich für seine Aktfotos in Positur stellen, merkt man ihr Vergnügen an …”
(Die Zeit)
 
“Diese Bilder kommunizieren mit dem Betrachter, sind lebendig und dadurch ein Triumph der alltäglichen Schönheit … so oder so ähnlich würde man die eigenen PartnerInnen auch gerne ins Bild setzen.” 
(Hersfelder Zeitung)

Fleisch statt Form
(Vorwort von William A. Ewing)

Eines der beständigsten, vielfältigsten und meist diskutierten Motive, das sich durch die Kunstgeschichte zieht, ist der Akt – oder, um dieses Wort einmal von seinen politischen Inhalten und ästhetischen Ansprüchen zu befreien, – der nackte menschliche Körper. Die Besänftigung von magischen Kräften, moralische Belehrung, wissenschaftliche Forschung, religiöse Indoktrination, technische Herausforderung, erotische Erregung, das Schockieren spießbürgerlicher Empfindsamkeiten – dies sind nur einige der mannigfaltigen Absichten, die die Bildermacher bewegten, seit der prähistorische Mensch vor 30.000 Jahren die erste „Venus“ in Kalkstein ritzte.
Die Photographie hat diese große Tradition noch ausgedehnt und bereichert. Wenn man ihre vergleichsweise kurze Geschichte betrachtet, ist es tatsächlich auffällig, wie weit verbreitet dieses Motiv ist und wie oft der nackte Körper mit den besten Arbeiten der großen Meister in Verbindung gebracht wird. Man denke nur an Man Ray, Cunningham, Weston, Mapplethorpe oder Witkin. Ähnlich wie in der langen Tradition der Malerei und der Bildhauerei, ist einer der faszinierendsten Aspekte des Genres die Beziehung zwischen dem Photographen und seinem Modell – schließlich lag, historisch gesehen, die Darstellung von Akten meist in den Händen männlicher Photographen.
Was treibt einen Photographen, wenn er sich einem nackten menschlichen Körper gegenüber sieht? Die Motive sind unterschiedlich: das eigene Verlangen, ein Kunstwerk zu erschaffen, oder Geld, oder Pornographie oder vielleicht auch das Bedürfnis, Liebe zu zeigen. Es kann sich dabei um professionelle Photographen und Modelle handeln oder um Amateure, Fremde oder Freunde. Doch gleich in welcher Beziehung sie zueinander stehen, es besteht immer ein wechselseitiger Austausch zwischen ihnen. Die erfolgreichsten Kunstwerke scheinen sich aus den photographischen Transaktionen zu ergeben, in denen ein bestimmtes psychologisches Gleichgewicht erreicht wird, das heißt, wenn der Photograph, ohne die ästhetische Kontrolle zu verlieren, seinen Modellen die Zeit und den Raum läßt, sich selbst darzustellen.
Thomas Karsten ist es gelungen, diesen Balanceakt mit sicherer Gelassenheit zu vollziehen. Seine weiblichen Modelle ähneln in keiner Weise den Objekten, die man gemeinhin mit der dominanten bildlichen Tradition assoziiert. Diese Tradition bildet „die Frau“ als gut entwickelt und passiv ab, stellt sie gleichgültig in idyllische Landschaften oder präsentiert sie verloren in erotischen Träumereien. Ebensowenig ähneln Karstens Modelle den glänzenden, geistesabwesenden Sirenen aus Playboy und Vogue. Bescheidenheit, Weiche und Fügsamkeit, diese zunehmend gebrochenen Ideale der Weiblichkeit, die lange Zeit das wichtigste Ausgangsmaterial für Akte waren, das sind Qualitäten, mit denen auf diesen Seiten kurzer Prozeß gemacht wird. Die hier abgebildeten Frauen sind ganz offensichtlich Individuen, die Karsten kennt und – noch wichtiger – die er mag. Er lädt uns ein, durch und durch moderne Frauen zu betrachten, die sich mit ihrem Körper wohl fühlen und offen mit ihrer Sexualität umgehen können. Mit dieser dionysischen Betonung der Sinnlichkeit und des Fleisches, stellt „Love Me“ daher einen willkommenen Gegenpol zu einem Genre dar, das allzu oft das apollinische Ideal der reinen äußeren Form betonte.
 (August 1998, William A. Ewing)
 
William A. Ewing ist eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der Photographie. Er hat Ausstellungen zusammengestellt u.a. für das Museum of Modern Art, New York; Centre Pompidou, Paris; Montreal Museum of Fine Arts; Palazzo Fortuny, Venedig; International Center of Photography, New York. Er ist jetzt Direktor des Musée de I`Elysée, Lausanne.
 

Das bin auch ich
(Text von Recha Jungmann)

Noch nie habe ich so viel weibliche Sinnlichkeit und Süße und Schönheit in so vielen Facetten in einem einzigen Buch gesehen. Als ich zum ersten Mal einige von Thomas Karstens Aktphotos in einer Ausstellung sah, und vor jedem einzelnen lange stehen blieb und schaute und schaute, und dann wieder zum ersten ging und wieder zum zweiten – ich glaube es waren fünf –, versuchte ich mir eine Antwort zu geben auf das, was mich daran so fesselt, so fasziniert. Es war nicht die Nacktheit an sich, die mich wie magisch anzog, sondern diese Frauen, wie sie sich mir zeigten, sich darstellten, so unterschiedlich jede, und jede mir doch so vertraut. Ihre Körper, ihre Augen, ihre Gesten sprechen mit mir, als ob ich es sei, die hinter der Kamera steht, und gleichzeitig fühle ich mich als eine von ihnen. Ich glaubte diese Frauen zu kennen, sie schon einmal gesehen zu haben, auf der Straße im Vorbeigehen, auf einer Party, in einem Konzert, aber nie konnte ich sie so ungestört betrachten, so nackt, so intim, so lange ich möchte. In manchen Frauen kann ich mich wiedererkennen, als ob ich in einen Spiegel schaue, wie die Frau, die aus dem Wasser steigt, mit ihren Händen noch die Sanftheit des Wasser spürend kommt sie mir entgegen, mit geschlossenen Augen. Oder jene, die langgestreckt auf einem Teppich liegt, den Himmel in ihrem Körper. Oder jene, die zusammengekauert auf dem Boden hockt und zu mir heraufschaut, unsicher, ob es auch wirklich ihr Wunsch ist, sich mir unverhüllt zu zeigen. Dann wieder sind es nur Gesten, die mir vertraut sind, wie die Hände schützend zwischen die Beine zu legen, die Schamhaare zu bedecken ohne wirklich Scham zu empfinden, es ist eher Scheu, gepaart mit dem Wissen um die Schönheit meines Körpers, den ich nicht vollständig preisgeben möchte, dieses Hin und Her, dieses Spiel: sich dem Gegenüber zu öffnen und sich wieder zu verschließen. Ich kenne das Empfinden, wenn man die Hände auf die Brüste legt und nicht nur, um sie vor fremden Blicken zu schützen, sondern auch, weil es mir gefällt sie anzufassen, ihre Weichheit, ihre Rundung zu spüren, und ich kenne es auch, den Körper schmücken zu wollen mit Ketten, mit Strümpfen, Schuhen und Schleiern, nur um meine Nacktheit noch verführerischer zu gestalten. Wie gerne wäre ich die Frau, die ganz nackt auf dem gemähten Kornfeld steht, im Hintergrund ein dunkler Wolkenhimmel mit dramatischem Licht. Ich spüre den Wind auf meiner Haut, und mein nackter Körper und die weite Landschaft sind eins. Und dann wiederum gibt es Frauen, die sich ganz anders darstellen, als ich mich darstellen würde. Da gibt es eine, die ich besonders lustig finde undfrech, wie sie mit der Kamera – mit mir, der Betrachterin – kokettiert; sie öffnet ihre Beine so lustvoll und weit und lacht dabei und zwinkert mir zu; sie scheint solch verführerische Posen zu kennen und spielt sie mir vor mit Straps und Strümpfen und Stöckelschuhen. Eine andere hebt ihren weiten rüschigen Rock und zeigt mir herausfordernd ihren Po, während eine andere auf dem Boden hockt mit scheinbar geschlossenen Beinen, mir den Blick frei gibt auf ihre Schamlippen, ganz ohne Scham.

Manche Frauen zeigen mir ihren Körper freimütig und nackt, während ihr Blick mich abweist; auch dies finde ich reizvoll. Doch so unterschiedlich die Frauen auch sind und sich darstellen, so scheint es mir doch, als ob ich jede Einzelne in ihrem Wesen oder besser gesagt: in ihrem weiblichen Wesen erfühlen könnte.

Oft schon habe ich gehört, daß der weibliche Körper schöner sei, als der männliche. Ich konnte das nicht so sehen, für mich waren beide in ihrer Verschiedenheit reizvoll. Doch als ich die Bilder in diesem Buch betrachtete, wo zwei oder drei, auf einem sogar vier Frauen ineinanderverschlungen daliegen, kam mir zum ersten Mal der Gedanke, daß ein Frauenkörper wirklich schöner sein kann als der männliche. Es sind vor allem die Brüste, die das Gleichmaß ergeben, aber auch die Rundungen von Schultern und Hüften, und nicht zu vergessen die Schamhaare: manche leicht und duftig, andere wie tiefdunkles Moosgeflecht auf alabasterfarbenem Grund. Ein Photo gefällt mir besonders, wo zwei Frauen auf einem steinigen Boden liegen, nebeneinander, die Augen geschlossen, und jede berührt nur mit einer Hand den Körper der anderen. Ich glaube nicht, daß zwei Männerkörper nebeneinander so viel Sanftheit und Ebenmäßigkeit und Hingabe ausstrahlen können, wie diese beiden Frauen. Auch Haare können Ausdruck von weiblicher Schönheit sein. Ich denke dabei an das Photo von der Frau, die ihren Kopf leicht nach unten beugt und ihre dunkelglänzenden Haare fallen nach vorn über die Schulter bis zu den Brüsten und verdecken geheimnisvoll das Gesicht und unter durchsichtigem Stoff ihr nackter Körper. Und oft ist auch die Haut so weiß und zart und die Brüste so lieblich, daß ich nicht genug bekommen kann, sie zu betrachten. Dann sind es wieder die Schamhaare, die mich neugierig machen: manche rasiert und reduziert zu netten dunklen oder hellen Fleckchen, die etwas Betörendes haben, ebenso die natürlich gewachsenen – mit welcher Neugier betrachte ich auch sie, denn alle sind nie gleich in Form und Dichte und Ausdruck, oder da, wo gar keine Haare sind, sehe ich nur eine mädchenhafte Nacktheit, nett und süß. Doch bei allen wunderbaren und wundersamen Details darf ich nicht vergessen zu erwähnen, daß es oft die Augen sind, ihr Ausdruck, die für mich etwas Unergründliches, ja fast Magisches bekommen in Kombination mit der Nacktheit. Ja, es ist nicht nur die Nacktheit, die mich fesselt, sondern die so unterschiedlichen Persönlichkeiten, die sich mir in diesem Buch vorstellen. Denn immer gibt es eine Verbindung zwischen Körper, Person und wie sie sich mir zeigt und auch vor welchem Hintergrund. Da gibt es Felsen, Wasser, eine zerbröckelte Mauer, ein Kornfeld oder einfach nur schwarz. Es dauerte eine Weile bis mir bewußt wurde, wie überzeugend die Umgebung der Ausstrahlung der jeweiligen Frau entspricht, weil sie so unauffällig ist: wie selbstverständlich scheint es mir, daß die eine aus dem Wasser steigt, die andere rücklings auf einem Stuhl sitzt und wieder eine andere an einem geöffneten Fenster steht … Auch die Utensilien faszinieren mich und wie genau sie zu dem Wesen der Frau zu passen scheinen, die sie trägt oder die mit ihnen spielt, wie die Frau mit der Schlange. Perlenketten und Kettchen überhaupt und Ringe – wie der Ring mit dem Auge –, unterstreichen die Charaktere, auch schwarze Stiefel und schwere Schuhe, eine durchsichtige oder schwarze Plastikhülle, und dann die verschiedensten Bänder und Schnüre und wie sie um den Körper geschlungen sind. Doch immer scheint das Drumherum sehr einfach, nur dazu da, das Wesen jeder Frau, ihre Erotik, ihre Träume zu vervollständigen. Das Portrait einer Frau neben dem Photo ihres nackten Körpers, das ist für mich letztlich auch die Aussage des ganzen Buches: Körper und Persönlichkeit sind nicht zu trennen. „Love me“ ist ein schöner und bezeichnender Titel. Doch für mich bedeutet das Buch noch mehr: Es gibt Einblick in mein weibliches Inneres und in das meiner vielen, vielen Schwestern.

Normalerweise erzeugt das Objektiv einer Kamera immer eine gewisse Distanz, speziell bei Aktphotos fühle ich mich oft unbeteiligt oder nur als neugierige Betrachterin. Doch die Frauen in diesem Buch scheinen mir zum Greifen nah, als ob ich mit ihnen im selben Raum sei oder in der gleichen Landschaft. Ich fühle keine Distanz. Sie schauen mich an, und ich meine zu wissen, was sie mir sagen wollen, über sich, und wie sie ihre Weiblichkeit und ihren Körper empfinden, und selbst wenn sie mir nur ihren Rücken zeigen, so bleibt es ein Gespräch mit der Kamera, mit mir.

Vielleicht hat das Gefühl von Nähe, das ich beim Anschauen dieser Photos empfinde, auch etwas damit zu tun, daß ich selbst eine Frau bin und Frauen sehr gut kenne, auch die Nacktheit von Frauen, denn ich bin nur unter Frauen aufgewachsen. Ja, vielleicht bin ich auch deshalb so verzaubert von diesen Photos, weil die Art und Weise, wie Thomas Karsten Frauen sieht und aufnimmt, eine Intimität wiederspiegelt, die ich nur erlebt habe, wenn sich Frauen ganz unter sich fühlen. Ich denke dabei an ein türkisches Bad in Tunesien, wo ich fast einen Tag nur unter nackten oder nur sehr wenig bekleideten Frauen verbrachte, und es war nicht nur die Hitze und der Dunst des heißen Wassers, der einen märchenhaften gelben Schleier um all die Frauen hüllte – die da saßen, hockten oder lagen oder in Grüppchen herumstanden –, der diesen unvergeßlichen Zauber in mir auslöste. Es war auch die Intimität, sich so nah und nackt in den gleichen Räumen zu bewegen, und die Stunden vergingen, ohne daß ich es merkte. Ich habe auch nicht weiter darüber nachgedacht, warum ich mich unter diesen Frauen so warm und aufgehoben fühlte. Nur an einen Gedanken erinnere ich mich: „Ich hätte nichts dagegen, in einem Harem zu leben!“
Ich könnte mir vorstellen, daß das Buch bei Männern, die es betrachten, einen umgekehrten Zauber auslöst: Er schaut in diese intime, so andere Welt, wo er nur manchmal – oder vielleicht nie wirklich? – Zugang hat. Er schiebt einen Vorhang auf die Seite und wirft einen Blick in Räume, in denen es nur Frauen gibt, diese und jene und jede so anders. Ein Paradies für sich. Ist es das, was Thomas Karsten mit seiner Kamera tut: Er führt uns in ein Frauenparadies? In einen Harem? Denn Harem heißt ja eigentlich nur ‚innen‘, ‚Innenwelt‘, im Gegensatz zur Außenwelt. Hier gibt es keine Heimlichkeiten, nichts Verbotenes. Sie schauen uns an, diese Frauen, sie nehmen uns wahr, aber sie lassen sich nicht stören, im Gegenteil, sie verlocken uns: noch genauer, noch tiefer zu schauen, durch ihren Körper in ihre Seele, wie in tausend Spiegel. Ich möchte zu ihnen gehören, ich möchte ebenso zärtlich betrachtet werden, ganz ohne Kleider, ganz nackt.
(Juli 1998, Recha Jungmann)
 Recha Jungmann, Filmautorin und Regisseurin, sie lebt in Frankfurt/Main.

1995 · Lust an sich

152 Seiten
150 Abbildungen
Großformat  24×30 cm,
schweres Bilderdruckpapier,
durchgehend farbig gedruckt,
gebunden mit Schutzumschlag,
mit einem Vorwort von Reinhold Mißelbeck
und einem Text von Jutta Ana Dobler
Preis: 50 Euro, da beim Verlag vergriffen (alter Preis 39,90 Euro)
ISBN: 3-88769-092-3&
Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke, 1995


Die Presse:

„Etwas Heiliges, Verbotenes liegt in diesen Szenen, etwas ganz subtil Erotisches“
(Hans-Jürgen Heinrichs, Zürcher Zeitung)
 
„Karsten liefert ehrliche Akte und einen fast femininen Blick“
(Fotomagazin)




Die Kamera als Spiegel – Aktbildnisse von Thomas Karsten
(Vorwort von Reinhold Mißelbeck)

Blättert man in einem beliebigen Bildband mit Aktphotographie unterschiedlicher Autoren, beispielsweise in einem der Bücher über die Sammlung erotischer Photographie von Uwe Scheid, so mag es durchaus vorkommen, daß Bilder von Thomas Karsten dabei nicht sonderlich auffallen. Sie sind keineswegs auf den ersten Blick spektakulär, zeigen den (überwiegend) weiblichen Körper nicht aus neuartigen, ungewöhnlichen Positionen, plazieren den Akt nicht an Orte, wo sie aufregend auf den Betrachter wirken. Viele sind im Studio aufgenommen, vor neutralem Grund, manche in der häuslichen Umgebung, wieder andere in der freien Natur. Ausgestattet mit all diesen Eigenschaften ist ein Aktbild von Thomas Karsten bestens geeignet, sich zwischen anderen, plakativeren oder aufreizenderen Photographien unauffällig zu verstecken.

Die Besonderheit der Photographie von Thomas Karsten erschließt sich dem Betrachter erst, wenn er eine Reihe seiner Photos sieht, wenn er in einem monographischen, wie dem vorliegenden Buch blättert. Dann wird offenbar, daß Thomas Karsten überhaupt keine Aktphotographie im gängigen Sinn betreibt, dann wird deutlich, daß das der heutigen Aktphotographie so immanente Moment der männlichen erotischen Sicht hier völlig fehlt. Das bedeutet keineswegs, daß sich Thomas Karsten auf die Position zurückzieht, einen Akt extrem unterkühlt zu präsentieren, vergleichbar mit der Ästhetik der Werbephotographie beispielsweise eines Autos oder einer Designerbrille.

Das einfachste wäre es nun, im Gegenzug mit dem Begriff der Natürlichkeit zu operieren, wäre dieses Wort im Zusammenhang mit Aktphotographie nicht allzu abgegriffen und mit der verlogenen Natürlichkeit der fünfziger Jahre eng verknüpft. Weit eher ist da ein Kontext zu nennen, der mit der Biographie von Thomas Karsten zu tun hat, der in der DDR aufgewachsen ist, wo sich jenseits jeder Parteiideologie ein Umgang mit dem nackten Körper etabliert hat, der uns im Westen nicht mehr nachvollziehbar ist, der uns jedoch in seiner ästhetischen Umsetzung an unsere fünfziger Jahre erinnert. Den Zustand könnte man wohl am ehesten als Unbefangenheit beschreiben, er läßt sich aber noch besser dadurch bestimmen, daß wir sein Gegenteil beschreiben, die entsprechende Haltung in der Bundesrepublik.
Dort wird seit Oswalt Kolle Aufklärung und sexuelle Freiheit propagiert, gehört Nacktheit in den Zeitschriftenwald ebenso wie in die Kinofilme, das Fernsehen und die Werbung. Die Propagierung sexueller Freiheit in der bundesdeutschen Wirklichkeit hat jedoch dort ihre Grenzen, wo sie außer Kontrolle gerät, denn schließlich muß neben dieser Freiheit der Reiz des Sexuellen erhalten bleiben, soll es als Lockmittel für den Verkauf von Autos und Seife, von Zeitschriften, Mode und Parfum noch wirksam sein. So kommt es zu der Situation einer versuchten Quadratur des Kreises. Nur solange das Sexuelle und Erotische als Reiz mit einem Hauch des Verbotenen erhalten bleiben, kann die sexuelle Freiheit als solche noch als Errungenschaft verkauft und empfunden werden, und nur solange die sexuelle Freiheit als Ergebnis bürgerlichen Liberalismus propagiert wird, ist sie auf breiter Front in allen Medien einsetzbar, kann mit dem Finger auf die scheinbare Prüderie konservativer Kreise, vergangener Zeiten oder anderer Kulturen gezeigt werden. Offensichtlich ist doch, daß gewisse Publikationsorgane nur darauf warten, daß sich ein solcher Anlaß ergibt, die angeblich so selbstverständlich selbstverständlich gewordene Nacktheit wieder auf die Titelseite zu bringen.

Dieser Spagat, der ja nicht auf der Ebene der Realität stattfindet, sondern auf der Ebene der Bilder, muß im Bewußtsein, auf dem Boden der Wirklichkeit, eine gewisse Spaltung im Verhältnis der Menschen zur Sexualität hinterlassen. So kommt es auf der einen Seite durch die Reizüberflutung durch Bilder zu einer gewissen Sättigung, auf der anderen Seite werden Wünsche geweckt, die so, wie in der Bilderwelt, in der Wirklichkeit nicht erfüllt werden können. Dieses Problem ist sattsam diskutiert und hat bekanntermaßen zur Folge, daß die Strategie aufgeht und Konsum als Ersatzbefriedigung greifen kann.

Die Folgen für unser Verhältnis zur Erotik, zur Nacktheit, zur Sexualität, sind möglicherweise weniger untersucht, doch sind wir, beeinflußt durch die Verknüpfung von sexuellen Reizen mit einer bestimmten Art von Nacktheit auf der Ebene der Bilder weitgehend außerstande, uns im Rahmen der täglichen Wirklichkeit davon zu lösen.

Möglicherweise könnte man Thomas Karstens Umgang mit dem Akt nunmehr so erklären, daß er beim Photographieren ebendiese Bilderebene mit ihren festgelegten Implikationen nicht im Kopf hat, sondern eine Atmosphäre schafft, in der sich seine Modelle bewegen, wie wenn sie nicht vor der Kamera stünden, sondern möglicherweise vor einem Spiegel, in der sie alleine, mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin agieren würden. Man könnte es vielleicht als einen Akt der Selbstinszenierung mit Hilfestellung durch den Photographen bezeichnen. Ganz offensichtlich versucht Thomas Karsten seinen Modellen nicht seine Vorstellung von seinem Gegenüber und dessen Nacktheit überzustülpen, sondern beobachtet ruhig im Hintergrund, greift ein, wo Spannungen auftreten oder verkrampfte Posen. Thomas Karsten erwähnte mir gegenüber des öfteren scherzhaft, viele seiner Modelle würden ihm sagen, er habe überhaupt keinen männlichen Blick. Mir selbst ging es beim Durchblättern der für dieses Buch ausgewählten Bilder so, daß ich zu der Überzeugung kam, die Auswahl sei ausschließlich von Frauen getroffen worden.
Zumindest kann angesichts dieses Bildbandes – und meines Wissens angesichts seiner Aktphotographie ganz allgemein – festgestellt werden, daß Thomas Karsten seine männliche Sicht in der Photographie nicht durchsetzt, daß er nicht seinen Blick auf den Akt im Bild umsetzt, sondern der eigenen Befindlichkeit seiner Modelle auf der Spur ist. Umgekehrt greift er aber auch nicht auf die Ästhetik der ehemaligen DDR zurück, die wir im Kopf un- weigerlich mit »Kraft durch Freude« oder den fünfziger Jahren verbinden. Ästhetisch steht Thomas Karsten in der Tradition der europäischen und amerikanischen Aktphotographie dieses Jahrhunderts. Und dennoch geraten seine Bilder anders als die seiner Kollegen. Sein Interesse ist abweichend, und er versteht es, dies seinen Modellen bewußt zu machen. Daher kommt es in seiner Photographie auch zu anderen Ergebnissen. Charakteristisch für dieses Vorgehen ist auch die Tatsache, daß er manche der Frauen nun schon über viele Jahre beobachtet, ihre Entwicklung vom Mädchen über die schwangere Frau bis zur Mutter im Bild festgehalten hat. Dies hat bei ihm wenig mit Konzept-Kunst zu tun, sondern ist Ausdruck seines anhaltenden Interesses an der Person und an dem, was wir natürliche Entwicklung nennen. Es entspricht Sehen-Wollen und Festhalten-Wollen.

Thomas Karsten ist ein Dokumentarist; er betreibt eine Art Archäologie menschlicher Verhaltensweisen und Entwicklungen und ist sich bewußt, daß – wie bei einem Naturforscher – solche Beobachtungen durch den Beobachtenden, durch seine Eingriffe in ihrer Authentizität empfindlich gestört werden können. So bemüht er sich, Umstände und Situationen herzustellen, in denen sich seine Modelle frei und unbefangen genug fühlen, um ihr ganz persönliches Spiel zu spielen, ihre eigenen Empfindungen und Erwartungen zum Ausdruck zu bringen und die dafür spezifische Mimik und Gestik entwickeln. Thomas Karstens Modelle sind auf seinen Bildern stets mit sich selbst beschäftigt; sie träumen vor sich hin, sind mit ihren Kindern, ihrer Katze oder einem Umhang beschäftigt, lachen lauthals oder treiben Scherze. Wenn der Blick in die Kamera geht, ist er meist herausfordernd, ist er schon wieder als Spiel, als gezielte frivole Herausforderung zu verstehen. Nicht umsonst ist es ausgerechnet Thomas Karsten, dem im Zusammenspiel mit seinen Modellen die eindeutigsten und frechsten frivolen Bilder im Vergleich mit seinen Zeitgenossen gelingen. Bei Thomas Karsten sind exhibitionistische Bilder ebenso möglich wie die scheuer Zurückhaltung, Posen umwerfender Komik genauso wie Portraits voll innerer Kontemplation. Die Vielfalt in diesen Bildern ist die seiner Modelle, kommt aus ihnen selbst, wird von ihm behutsam zugelassen, gefördert, gelenkt und durch seine ganz persönliche Direktheit und Ehrlichkeit im Umgang mit Menschen ermöglicht. Thomas Karsten photographiert Jugendliche ebenso wie ältere Frauen, er beobachtet Falten im Gesicht und am Körper mit der gleichen Aufmerksamkeit, wie die glatte, von der Zeit unbeschriebene Kinderhaut. Dies alles macht dieses Buch, diese Auswahl von Bildern zu einem umfassenden Portrait von Menschen, ihren Gefühlen, Selbstdarstellungen und Panzern. Durch seine Photographie ermöglicht uns Thomas Karsten daran teilzuhaben, sehen wir Aktphotographie nicht als Bilder von Objekten, sondern als Ergebnisse zahlreicher Selbstperformances, für die Thomas Karsten seine Offenheit, sein Auge und seine Kamera zur Verfügung stellte.
(Reinhold Misselbeck)
 
Reinhold Mißelbeck studierte unter anderem Kunstgeschichte, war Leiter der Fotosammlung des Museums Ludwig und seit 1993 Lehrbeauftragter am Kunsthistorischen Institut der Universität zu Köln. Er verstarb im Jahr 2001. 


ERSTER AKT
(Text von Jutta Ana Dobler)

Ich habe mich noch nie sehr für Aktaufnahmen interessiert, und ich mag es nicht besonders, fotografiert zu werden. Alles in allem hervorragende Voraussetzungen für unser Projekt.
Thomas und ich sitzen seit Stunden beim Frühstück. Draußen wird es langsam dunkel, und er sagt, daß er beim besten Willen nichts mehr essen kann.
»Fangen wir an.«
Hilfe, jetzt schon? Oben erwähntes Projekt heißt ›Aktphotos von Ana‹, der plötzlich sehr mulmig ist.
Thomas beginnt, das Licht aufzubauen.
»Zieh schon mal den Bademantel an.«
Ich bin wieder fünfzehn in irgendeiner dunklen Ecke auf irgendeiner Party mit irgendeinem Typen, der ganz bestimmt an mir rumfummeln will.
»Ich muß um acht wieder in München sein.«
»Wieso sagst du mir das nicht früher, zum Fotografieren braucht man Zeit.«
Hoffnung.
»Wir könnten die Bilder ein anderes Mal machen.«
»Nee, jetzt bist du schon mal da.«
Ende der Hoffnung.
Natürlich habe ich kein Schminkzeug mit. Thomas kramt weißen Theaterpuder aus einer Schublade, und ich versuche, mein Gesicht zu maskieren.
Die einzige Stelle, auf der der Puder hält, sind meine Wimpern. Sehe aus wie ein Albino, schrecklich. Fehlen nur noch die roten Blitzaugen.
Aber zumindest der Fotograf ist Profi.
Thomas legt Filme ein und hängt schwarze Tücher über die Möbel. Ich entdecke einen Bettvorhang aus weißer Gaze, wunderbar geeignet zum Verstecken.
»Komm, ein Probepolaroid.«
»Vielleicht doch lieber im Bademantel?«
»Ana!« Thomas verdreht die Augen.
Ich lasse die Hülle fallen und hechte hinter den Vorhang.
»Steck wenigstens dein Gesicht raus.«
Also gut. 
Das Polaroid ist furchtbar. Meine Haare kleben strähnig am Kopf und ich lächle dümmlich.
Gnadenfrist. Kein Haarspray im Haus, ich bearbeite mein Haupt mit Seife, alles klebt. 
Neuer Versuch.
Jetzt gibt die Kamerabatterie den Geist auf.
Ich gebe fachmännische Ratschläge. 
»Mach doch lieber ein anderes Licht.«
Noch eine Gnadenfrist.
Vielleicht sollte ich mich betrinken?
Leider bin ich mit dem Auto da, bin über die Autobahn gefahren und über jede Menge Land. Ein paar schwarze Krähen und verlorene Bäume ohne Blätter. Sehr idyllisch.
Aber ich schweife ab.
Die Batterien sind gewechselt, das Licht ist umgebaut. Mein Auftritt.
Augen zu und durch!
»Mach doch die Augen auf«, ruft der Fotograf.
Paranoia.
»Ich schiele, ich spür’s genau.«
»Nein«
»Wirklich nicht?«
»Schielen ist erotisch.«
Scheiße.
Thomas fotografiert. Irgendwas an seiner Kamerahaltung kommt mir komisch vor.
»Was fotografierst du eigentlich?«
»Dein Gesicht.«
»Wieso muß ich mich denn dann ausziehen?«
»Es sieht anders aus so.«
Aha. 
Noch ein Polaroid.
Ich habe einen triefäugigen Hundeblick. Thomas findet das süß. Eine Flut von emanzipatorischen Schlagworten in meinem Kopf. Ich sage nichts und starre in die Kamera, die Arme verschränkt. Bestimmt schiele ich.
»Mach mal was.«
»Au ja, klasse! Zieh dich aus und ich mach’ Fotos.«
»Ana«, tönt es anklagend hinter der Kamera hervor.
Wieso mache ich immer so leichtfertige Versprechungen? 
Um diese habe ich mich allerdings schon zwei Jahre herumgedrückt. Aber um zu beschreiben, wie es ist, fotografiert zu werden, muß ich es ausprobiert haben, sagt Thomas. Wofür bin ich denn Dichterin?
»Was soll ich eigentlich schreiben?«
»Irgendwas.«
»Super, hast du noch ‘ne Hilfe?«
»Schreib halt was Poetisches.«
»Fotografiert werden ist nicht poetisch.«
»Am Anfang geht es nie so gut, das wird mit jedem Termin besser.«
Oh Gott, nochmal?!
Kulissenwechsel. Weg mit dem Vorhang. Ich finde ein großes grünes Tuch, das mich noch besser einwickelt. Schnell die Arme verschränken. Fertig.
Thomas flucht über das Gewicht der Mamiya. 
»Schau, ich hab schon Streifen am Arm.«
»Wir könnten spazierengehen.«
Draußen ist es dunkel, kalt und unheimlich ländlich. Ich hasse spazierengehen.
Keine Reaktion auf meinen Vorschlag. Dann ein Aufschrei.
»Scheiße, ich hab den Schieber dringelassen!«
Irgendwie der Wurm drin in unserer Fotoproduktion. 
Ich habe so viele wunderschöne Fotos von wunderschönen Frauen gesehen, die Thomas gemacht hat. Warum ich?
»In zwanzig Jahren bist du froh, daß du die Fotos hast.«
In zwanzig Jahren bin ich berühmt und Thomas ist froh, die Fotos zu haben. Auch das sage ich nicht.
»Fällt dir irgendwas ein, was wir machen könnten?«
»Wie wär’s mit einem Bier in der nächsten Kneipe?«
Thomas stöhnt und ich bekomme einen Anflug von schlechtem Gewissen. Ich bin wirklich kein sehr kooperatives Modell, und Filme sind teuer.
»Vielleicht was mit Schatten an der Wand.«
Schatten sind wunderbar, Schatten sind dunkel. Wir hängen eine löchrige Stumpfhose vor die Lampe. Auf dem nächsten Pola sehe ich aus, als hätte ich mich drei Wochen nicht gewaschen. Aschenputtel in Vierkirchen.
 
Ich atme tief durch und beschließe, mich zusammenzureißen.
Es geht schon etwas besser. 
Thomas fotografiert und erinnert mich ab und zu daran, die Augen nicht zusammenzukneifen. Er benimmt sich genau wie immer. 
Bin ich vielleicht nicht erotisch? 
Ich beobachte ihn prüfend. Keine glänzenden Augen, keine zitternden Hände. Ich muß zugeben, daß mich das etwas enttäuscht.
Schließlich bin ich eine nackte Frau! Der Traum aller Männer, oder was?
»Ana, mußt du nicht langsam gehn?«
Na Klasse, grad hatte ich in aller Stille beschlossen, meinen Termin in München zu ignorieren, um heute doch noch rauszufinden, was am Fotografiertwerden dran ist. Ich ziehe mich wieder an.
»Und wer räumt jetzt hier auf?«
»Besorg dir halt einen Assistenten.«
Ich bin etwas gereizt.
»Möchtest du duschen?« ruft es von draußen.
»Wieso, willst du Fotos unter der Dusche?« Ich bin ziemlich gereizt.
»Nein, du?«
Danke.
Ich fahre nach Hause. Irgendwann später rufe ich Thomas an.
»Hast du die Filme schon entwickelt?«
»Was?«
»Hast du die Filme schon entwickelt?«
»Ana, du bist vor einer Stunde gegangen.« 
In einer Stunde schafft man mindestens vier Filme, ich weiß es genau.
 
Die Bilder sind entwickelt, und ich habe die Kontakte gesehen. Das erste spontane Gefühl: ›Das bin nicht ich‹. Ich schaue entweder verschreckt oder hochmütig und meine Abwehrhaltung ist auf den Fotos deutlich sichtbar. Ob ich immer so einen Gesichtsausdruck habe, wenn ich etwas nicht gern tue? Entsetzliche Vorstellung.
Wieso habe ich mich beim Fotografieren so unwohl gefühlt? Ich war ja noch nicht mal nackt, ich war eingehüllt in Tücher und Schals, und fast alle Bilder sind Portraits. Es hat irgend etwas mit dem Vorgang selbst zu tun.
Fotografieren ist das Festhalten winziger Momente, eingefangene Zeitfetzen, aus dem Fluß der Ereignisse gerissen und nun unendlich oft reproduzierbar. Dadurch sind sie zeitlos geworden, sie schmiegen sich an jede Situation an, sobald sie hervorgeholt werden, sind sie da und geben ihre Gefangenen preis. Real ist das dann die Gegenwart, und doch ist es die Gegenwart und ein winziges Stück irgendwann eingefangener Zeit. 
Ich betrachte die Bilder, fasziniert oder abgestoßen von der Art, wie ich mich vor der Kamera gebe. Ich starre mir ins papierene Gesicht und versuche, dieses fremde Bild in mein Selbstbild einzugliedern. Ich sehe die Sprünge, die sich ergeben. Ich finde mich schön oder häßlich, langweilig oder interessant. Und je länger ich das Bild anschaue, umso weiter entfernt sich der Augenblick der Aufnahme. Für das Foto gelten andere Regeln, statt meiner Verfallszeit die Verfallszeit des Celluloids, die normalerweise langsamer ist. Und so verfalle ich und mein Konterfei strahlt von der Wand auf mich herab, jung ist es und sieht mich an, wie ich mich sonst nie ansehe, weil es nicht mich angesehen hat, sondern die Linse einer Kamera RB 67.
Und irgendwann finde ich mich überhaupt nicht mehr darin wieder, weil ich mich weiterentwickelt habe und der Abzug längst ausentwickelt ist.
Dann sind die Fotos nur noch Beweise für etwas, das vergangen ist, und das im Heute nichts zu suchen hat. Aber das Grundprinzip des Lebens ist Veränderung, und auch Fotos unterliegen diesem Prinzip. Ich habe mich durch den Fototermin verändert, Thomas hat sich verändert, und wer die Bilder betrachtet, wird sich, und sei es auch nur minimal, ebenfalls verändern. Was mir in die Quere kommt und das ungute Gefühl hervorruft, ist die Unfähigkeit zur Abstraktion. Ich sehe ein Foto von mir nicht unter ästhetischen Gesichtspunkten, sehe es nicht als Zeitdokument oder als künstlerisches Ausdrucksmittel, sondern als ein Stück eingefangener Seele, zum unkontrollierbaren Gebrauch freigegeben.
 
 Was bewegt andere Frauen, sich fotografieren zu lassen?
 
Saskia: »Für mich sind die Fotos wie ein Tagebuch, eine Art Indikator meiner Stimmungen. Wenn ich sie anschaue, weiß ich wieder, wie es mir zu bestimmten Zeiten meines Lebens ging, und ich sehe Veränderungen, die mir sonst wahrscheinlich nicht aufgefallen wären. 
Vor der Kamera schlüpfe ich in ganz unterschiedliche Rollen, die aber alle etwas mit mir zu tun haben. Am wohlsten fühle ich mich, wenn ich noch irgend etwas anhabe, ein Tuch, ein Hemd, Schuhe… 
Das Schöne bei Thomas ist, daß er einen machen läßt und daß er sich so benimmt wie immer. Er versucht auch nicht, Unsicherheiten zu überspielen. 
Es stört mich überhaupt nicht, wenn jemand die Fotos anschaut. Sie gehören zu mir.«
 
Valerie: »Ich denke, ich habe eine ›exhibitionistische Ader‹. In der Aktfotografie kann ich sie kreativ umsetzen, da gehört sie hin. Am Anfang kam ich mir vor der Kamera ganz hilflos vor. Thomas gab mir keine Anweisungen. Inzwischen fühle ich mich wohl dabei, ich spiele keine fremde Rolle, sondern bin einfach so, wie ich grad drauf bin. Das hängt sicher damit zusammen, daß Thomas beim Fotografieren ganz normal bleibt. Er ist kein Spanner, tut auch nicht besonders cool oder so. Er läßt Freiräume.
Zu meinem Körper habe ich ein gutes Verhältnis. Ich mag ihn gern. Auch wenn er nicht dem Prototyp der schönen Frau von der Plakatwand entspricht.«
 
Vielleicht sind meine Skrupel nur Ausdruck einer bestimmten Moralvorstellung, gekoppelt mit der Angst, benützt zu werden. Aber benützen kann man mich nur, wenn ich es zulasse.
Ich beschließe, es noch einmal zu versuchen.


ZWEITER AKT
 
Diesmal kommt Thomas zu mir. Er meint, daß ich mich in meiner eigenen Wohnung
wohler fühle. Er meint auch, daß er sein Studio nicht mehr sehen kann (auf Fotos), und daß er Bilder mit Pflanzen machen möchte, von denen bei mir ziemlich viele rumstehen. Ich bin schon wesentlich cooler als beim ersten Termin, arrangiere mich zwischen den Pflanzen und denke sogar daran, die Augen offen zu lassen. Kurze Zeit zumindest. Dann fängt es an, mich ganz furchtbar zu jucken. Ich habe mein Grünzeug sehr gern, aber so nah auf Tuchfühlung waren wir noch nie. Zu Recht, wie sich jetzt zeigt. Rote Flecken überall.
Also raus aus der Botanik.
In der Küche vor dem Spiegel, mit einem großen Umhang und Zigarettenspitze. Thomas versucht mir zu erklären, daß man von der Straße aus nicht in ein Zimmer im dritten Stock schauen kann. Ganz überzeugt bin ich nicht. Aber wir arbeiten mit Tageslicht, deswegen müssen die Jalousien offen bleiben. So springe ich halt jedesmal zurück, wenn unten auf der Straße jemand vorbeigeht. Das ist das einzige, was den Ablauf stört. 
Seltsamerweise ist es mir nämlich gar nicht mehr unangenehm, fotografiert zu werden. 
Ich habe begonnen, mich zu inszenieren. Das ist faszinierend zu beobachten. Anstatt mich hilflos zu fühlen, werde ich aktiv. 
Nach der Session eine Tasse Kaffee und meine Frage an Thomas: »Wieso machst du eigentlich Aktfotografie?« 
»Ich war vor vielen Jahren auf der ersten offiziellen Aktfotoausstellung der DDR. Der Fotograf hat sehr junge, ästhetische Körper fotografiert, technisch perfekt, trotzdem waren die Frauen Objekte, man hat den Bildern angemerkt, daß er scharf auf sie war. Gleichzeitig wurde ein einfühlsamer Dokumentarfilm über ein 70-jähriges Ehepaar beim Nacktbaden gezeigt. Hinterher gab es eine Diskussion mit dem Fotografen, dem Filmer und dem Publikum, bei der der Fotograf die Meinung vertrat, daß alte Körper unästhetisch seien und daß Männer sozusagen nur ›Frischfleisch‹ sehen wollten. Ich fand diese Einstellung schockierend und mir kam die Idee, daß es auch als Mann möglich sein muß, Frauen nicht körperbetont, sondern selbstbewußt zu fotografieren. Die Fotos entstehen immer in Zusammenarbeit, ich habe kein festes Bild im Kopf, sondern die Modelle setzen ihre eigenen Vorstellungen um. Viele meiner Modelle fotografiere ich jetzt schon über zehn oder
fünfzehn Jahre hinweg, z.B. vor der Schwangerschaft, während der Schwangerschaft, mit dem Kind usw. Obwohl der Körper zu sehen ist, sind meine Bilder Portraits der Menschen und keine Wichsvorlagen.«
Auch diesmal warte ich gespannt auf die Kontaktabzüge. Manche Bilder gefallen mir, manche gefallen mir nicht, aber fast keines vermittelt mehr den Eindruck eines erschreckten Karnickels vor der Schlange. Ich verteile ein paar rote Klebepunkte auf den Kontaktbögen und stelle beim Zusammenzählen erstaunt fest, daß ich 32 Bilder ausgesucht habe, auf denen ich mich wiederfinde. Beim ersten Fototermin waren es vier. Thomas stöhnt: »Weißt du, wie lange ich dafür wieder in der Dunkelkammer stehe?« Trotzdem bringt er mir die Bilder bei unserem nächsten Treffen mit.
Die Verlegerin ist gekommen, die Grafikerin, der Fotograf und ich. Wir schauen Fotos an, wollen eine erste Vorauswahl für das Buch treffen. Um uns herum stapeln sich die Kästen mit den Bildern. Die große, für die besten Aufnahmen bestimmte Schachtel platzt bereits aus allen Nähten. Wir kabbeln uns ein bißchen über der Frage, was denn nun eigentlich erotisch ist. Einblicke, Ausblicke, Verhüllungen, Nacktheit, ein trauriger Blick, geschlossene Augen, Echtheit, Lachen….?
Jede von uns hat eine andere Vorstellung. Bei manchen Fotos dann doch überraschend Einigkeit, es sind die Bilder, zu denen uns Geschichten einfallen.
Habe mal im Lexikon nachgeschaut. Da steht, daß Eros der griechische Gott der sinnlichen Liebe ist, ein Sohn von Ares und Aphrodite, und daß er ursprünglich als ordnendes Urprinzip der Weltordnung gedacht war. Aus der Formulierung schließe ich, daß es nicht geklappt hat mit der sinnlichen Lust als Ordnungsprinzip. Ob das mit dem Patriarchat zusammenhängt? Nach meinem logischen Verständnis müssen alle ordnenden Kräfte bipolar sein. Dann würde durch die noch immer verbreitete Degradierung der Hälfte der Menschheit zum Lustobjekt der natürliche Ausgleich verlorengehen, und sich das großartige Chaos in ein armseliges Weltbild verwandeln. 
Aber zum Glück wächst die Anzahl der Frauen, die wissen, was sie wollen und das auch sagen, und die Anzahl der Männer, die in diesem eigentlich selbstverständlichen Verhalten keine Bedrohung sehen. Gute Chancen für Eros, den ich jetzt trotzdem nicht länger mit theoretischen Ausführungen belästigen möchte. 
Zurück zu den Bildern. Immer neue Schätze tauchen aus den Kisten auf. Ich bin fasziniert. Die Gesichter packen mich, fangen mich ein mit der Kraft, die sie ausstrahlen. Thomas hat es geschafft, seine Idee zu verwirklichen.
Die Frauen auf diesen Fotos sind keine Objekte, keine Opfer. Sie sind ›selbst bewußt‹, melancholisch oder voller Lebensfreude, aber immer ganz da. Die Gesichter, die Persönlichkeiten lassen sich nicht ignorieren. 
Und die Nacktheit? 
Die wirkt auf manchen Bildern so natürlich, daß sie kaum auffällt. Auf den meisten jedoch wird sie von den Modellen bewußt in Szene gesetzt, aus ›Lust an sich‹. 
(Jutta Ana Dobler)
 
Jutta Ana Dobler, geboren 1966 in München und lebt dort als freie Autorin. (Stand 1995)
1994 erschien im Sensenfrauverlag ihr erstes Buch „Blauere Vogel-Schwarze Seele“.
 

1988 · Thomas – mach ein Bild von uns!




Aktfotografie

120 Seiten
80 Abbildungen
24×30 cm,
Duoton,
engl. Broschur
mit einem Vorwort von Michael Rutschky
und einem Schlußwort von Peter Brasch
vergriffen
ISBN: 3-7658-0578-5
Bucher Verlag, 1988


Kodak Fotobuchpreis 1988



Thomas Karsten machte die unkonventionellen, zärtlichen, fröhlichen, einfühlsamen und erotischen Bilder von Freunden und Freundinnen.


Thomas Karstens Aktportraits
(Schlußwort von Peter Brasch)

Rückblende an Morgen. Traum: An einem nebligen Novembermorgen werde ich in einem dreckigen Hausflur mit einem Brandloch im Mantel und einem Wundloch unter dem Herz aufwachen. Irgendjemand, den ich kenne, wird in diesem Haus gewohnt haben. Entweder wird er tot sein oder landflüchtig, und ich werde vergeblich an der Klingel läuten, denn das Haus wird unbewohnt sein. Die Fenster zum Hof und zur Straße sind mit Brettern vernagelt, und ich werde auf die Straße gehen. Eine Straßenbahn wird vorbeifahren, vollbesetzt mit Leuten, die Sekt trinken und einsame Kindergesichter haben und lächeln, und einer wird mir zuzwinkern, aber ich werde dort stehen bleiben, wo ich bin, und mir wird nicht einfallen, wo das ist: ob in Berlin oder Leipzig oder irgendwo, ob in Europa oder am Pol oder irgendwo. Dann werde ich mich auf die Bordsteinkante setzen und darüber nachdenken, wer die Leute in der Straßenbahn waren. Aber es wird mir nicht einfallen, und ich werde einen Stummel rauchen, weil ich keine Zigaretten mehr habe. Dann werde ich der Bahn hinterhersehen, und die Fenster werden mich ansehen, ich werde den Stummel in den Gulli werfen und aufstehen und weitergehen durch die neblige Novemberstraße in dieser Stadt, die keinen Namen hat, vielleicht auch weil ich ihr keinen gegeben habe.


Der Traum ist so real wie irreal. Ich träumte ihn, kurz nachdem ich nach Jahren das erste Mal wieder mit Thomas Karsten telefonierte und er mir vorschlug, einen Text zu seinen Fotos zu schreiben. Als ich die Fotos dann in der Hand hatte, war mir, als sei nicht irgend eine Zeit vergangen oder verloren wie eine Linie, die man hinter sich lässt, sondern als hätte sie einen Kreisbogen um mich geschlagen und wäre so wieder zu mir zurückgekehrt. Thomas` Stimme am Telefon klang genauso wie vor zehn Jahren, als ich ihn in Leipzig das erste Mal traf. Die Leute auf den Fotos, die ich zum Teil kenne, aber seit langem nicht gesehen habe und die Räume, in denen die Fotos gemacht wurden, kamen auf Umwegen wieder zu mir zurück. Wie aus einem Totenreich oder aus einem früher gelebten Leben. Solche Momente haben immer etwas sehr Rührseliges und Wehmütiges, ohne dass man genaue Gründe dafür finden kann. Vielleicht will man sie auch nicht finden, weil eine gesuchte Distanz zur eigenen Geschichte nicht unbedingt klare Beobachtung zur Folge haben muß. Der Beobachter sieht nichts. 

Obwohl diese Fotos auf diese Weise für mich eine Art Zeitdokument sind – ein kleiner Teil davon ist in meiner alten Leipziger Wohnung gemacht worden -, erzählen sie mehr, als auf den ersten Blick darauf zu erkennen ist. Erzählen. Im ursprünglichen Sinn ist ein Aktfoto wahrscheinlich ziemlich ästhetisch-zeitlosen Beurteilungskriterien unterworfen, und der Betrachter verbindet damit kaum eine Geschichte. Diese Fotos haben eine Biographie. In jeder Bewegung auch «Pose» ist kaum eine formal-ästhetische Absicht des Fotografierenden zu entdecken, sondern eher der Wille, einen Moment zu fixieren, der das Ergebnis eines bis dahin gelebten Lebens ist. Auf keinem der Fotos ist etwas Modelliertes zu erkennen, die Leute sehen eher durch den Apparat hindurch als in ihn hinein. So werden zwei Biographien transparent; die des Fotografierten und die des Fotografierenden. Der Betrachtete betrachtet den Betrachter. Das schließt von vornherein jede Form von geplantem Voyeurismus aus, der mich bei den meisten Aktfotos, die ich kenne, sehr stört. Diese Fotos haben meist etwas Gesichtsloses, Kalt-Gestelltes (im wahren Sinn: die Gesichter sind kaltgestellt zu Gunsten künstlich erzeugter Körperlichkeit).

Bei Thomas Karsten gibt es diese Trennung nicht. Gesicht und Körper stellen sich immer in Frage. Und gibt es eine Harmonie, so ist es die Situation, die die Harmonie hervorruft. Ich sehe Gesichter in fröhlicher Kälte.

Ich sehe Gesichter in Erwartungen, deren Ende schon abzusehen ist, und Hoffnungen. In Augen, die durch den Körper aufgehoben sind. Ich sehe Spannungen und Gelöstheiten, die keiner fotografisch-mechanischen Prozedur unterliegen, sondern den Augenblicken, in denen sie entstanden. Das vor allem macht die Schönheit der Fotos aus, auch wenn ich, der sie ansieht, an die eigene Biographie wie an ein Märchen erinnert werde, mich kaum professionell dazu äußern kann und auch nicht will. – Vielleicht ist das ein Vorteil.

Peter Brasch geb.1955 in Cottbus / DDR, gest. am 22. Juni 2001.
1976 wird er nach Ausbürgerung Wolf Biermanns vom Germanistik-Studium in Leipzig exmatrikuliert. Lebte dann als freier Autor und verfasste Gedichte, Erzählungen, Essays und Theaterstücke. Seit 1989 war er Dramaturg und Regisseur in Berlin, Halle und Brandenburg. Starb an Herzversagen in Berlin.